Picasso – Bacon mit Ralph Gleis
Shownotes
"Pablo Picasso und Francis Bacon in der ALBERTINA Wien: Ihre Bilder erzählen von Begehren und Angst, von Lebenslust und Verletzlichkeit. Zur Ausstellung PICASSO – BACON. What It Feels Like to Be Human sprechen Clarissa Stadler und ALBERTINA-Generaldirektor Ralph Gleis darüber, wie die beiden Maler menschliche Gefühle sichtbar machen und warum uns ihre Kunst bis heute so unmittelbar berührt.In dieser Folge von Lange Ohren - Albertina Podcast beginnt die Reise 1927 in Paris. Der junge Bacon sieht Zeichnungen von Picasso und beschließt, selbst Maler zu werden. Aus dieser Begeisterung wächst eine lebenslange Auseinandersetzung mit einem Vorbild, das ihn inspiriert, herausfordert und den Wunsch weckt, etwas Eigenes zu schaffen.
Zwischen Picassos lichten Strandbildern und Bacons eindringlichen Porträts öffnet sich ein Blick auf die Widersprüche des Menschseins. Körper verlieren ihre vertraute Form, Gefühle treten umso deutlicher hervor. Clarissa Stadler und Ralph Gleis laden dazu ein, genauer hinzusehen: Was zieht uns zu diesen Bildern hin? Was verstört uns? Und was erkennen wir darin von uns selbst?
Die Ausstellung PICASSO – BACON. What It Feels Like to Be Human ist bis 31. Jänner 2027 in der ALBERTINA in Wien zu sehen. Mehr zur Ausstellung Picasso – Bacon"
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00:00:00: Und das war auch das, was Bacon, als er die Bilder gesehen hat, so berührt hat.
00:00:07: In Anbetracht dieser Bilder hat er gesagt, Picasso zeigt einem what it feels like to be human.
00:00:13: Das ist unser Titel auch geworden. Es geht nicht nur darum, was es heißt, Mensch zu sein, sondern wie fühlt sich das an.
00:00:20: Und daher ist diese ganze Ausstellung auch so ein emotional gewichtiges
00:00:24: Zusammentreffen dieser beiden Künstler, weil sie uns so viel mitgeben.
00:00:28: So beschreibt Ralph Gleis einen Schlüsselmoment in der künstlerischen
00:00:33: Verwandtschaft zwischen Francis Bacon und Pablo Picasso.
00:00:37: Ich habe den Generaldirektor der ALBERTINA für den Podcast Lange Ohren
00:00:41: getroffen, um mit ihm über die Ausstellung Picasso – Bacon zu sprechen
00:00:45: und damit über zwei Giganten der figurativen Malerei im 20. Jahrhundert.
00:00:51: Es ist eine sensationelle Schau in vielerlei Hinsicht und ein Highlight im Jubiläumsjahr der Albertina.
00:00:58: Unsere Zeitreise führt uns zu zwei Künstlern, deren Biografien zusammen fast
00:01:03: ein Jahrhundert umspannen und deren Werke von den Extremen des Menschseins erzählen.
00:01:09: Mein Name ist Clarissa Stadler.
00:01:10: Ich bin Journalistin und Autorin und sage herzlich willkommen, Ralph Gleis.
00:01:15: Hallo, Clarissa.
00:01:16: Ralph, wir werden heute über zwei Künstler sprechen, die einander zwar nie
00:01:22: begegnet sind, aber deren Malerei doch eine auffallende Verwandtschaft zeigt.
00:01:28: Ich schlage vor, wir starten unsere Zeitreise heute im Jahr 1927, denn da ist etwas Entscheidendes passiert.
00:01:37: Bacon kommt nach Paris und sieht in einer Galerie Zeichnungen von Picasso.
00:01:43: Das könnte irgendeine Geschichte sein, aber tatsächlich beruft sich Bacon immer darauf,
00:01:48: dass dies der Moment war, in dem er selbst entschlossen hat, Künstler zu werden.
00:01:53: Und so kann man mit Fug und Recht sagen, ohne Picasso kein Bacon.
00:01:57: Vielleicht stellen wir diese zwei Künstler, über die wir heute sprechen wollen, einmal kurz vor.
00:02:03: Was ist denn jeweils ihr Background und das Milieu, dem sie entstammen?
00:02:08: Michael Peppiatt, der englische Bacon-Biograf und Co-Kurator dieser
00:02:11: Ausstellung, hat ja gesagt, es trennt die beiden mehr, als sie verbindet.
00:02:16: Sprechen wir mal zuerst über Pablo Picasso und dann über Francis Bacon.
00:02:19: Ja, über Picasso zu sprechen ist immer wieder natürlich eine Herausforderung, weil eigentlich jeder Mensch
00:02:26: glaubt, diesen Überkünstler, diesen Übervater der Kunst des 20. Jahrhunderts in- und auswendig zu kennen.
00:02:33: Wir wissen, dass er ein Spanier ist, in Spanien geboren ist, dass es ihn früh dann nach Paris
00:02:40: treibt, einfach der Kultur- und Kunstmetropole im ausgehenden 19. und anfänglichen 20. Jahrhunderts.
00:02:47: Und wir kennen auch diese berühmte blaue Phase und dann die rosa Phase.
00:02:54: Also da bewegen wir uns jetzt wirklich in diesen Jahren unmittelbar nach der Jahrhundertwende.
00:02:59: Und das scheint uns ja eine längst vergessene Zeit.
00:03:02: Und interessant, dass wir überhaupt diese beiden Künstler nebeneinander stellen, wo doch der eine Picasso
00:03:09: für uns so der Inbegriff der klassischen Moderne geworden ist, der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
00:03:15: Und demgegenüber Bacon irgendwie so modern, zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wirkt.
00:03:23: Aber man darf nicht vergessen, diese wahnsinnigen Wandlungen, die Picasso gemacht hat, die er immer wieder angetrieben hat.
00:03:31: Er war mit eine der treibenden Figuren dann im Kubismus.
00:03:35: Er hat wirklich Kunst mitgeformt, immer wieder neu erfunden.
00:03:41: Und das vor dem Hintergrund, dass er ja eine akademische Ausbildung hat, also ganz genau gelernt hat, wie man
00:03:49: figurativ malt, was damals noch einfach die Vorgabe war, das Aktstudium, das Zeichnen, die präzise klassische Form.
00:03:57: Und er sagt ja selber dann auch, er hat Jahre, Jahrzehnte gebraucht, bis er wieder malen konnte
00:04:03: wie ein Kind, also sich von dieser ganzen akademischen Tradition wieder zu befreien.
00:04:08: Pablo Picasso, also ein akademisch geschulter Maler aus bürgerlichem Milieu, der so berühmt
00:04:14: wurde, dass heute jedes Kind die Porträts mit den doppelten und verdrehten Augen und Köpfen
00:04:20: und also all diese Bilder, die wir eben als Klassiker heute kennen.
00:04:24: Im Vergleich nebeneinander zu einem Künstler, nämlich Francis Bacon, der aus einem ganz anderen Milieu stammt.
00:04:33: Ja, Francis Bacon ist ein wirklich sehr bewundernswerter Charakter in meinen
00:04:39: Augen, weil er sich wirklich von sehr vielen Dingen befreien musste.
00:04:45: Zunächst einmal wächst er auf einer Pferdefarm in Irland auf.
00:04:49: Das war durchaus bürgerlich, aber der Vater, der kam aus dem Militär, war offensichtlich auch sehr jähzornig.
00:04:56: Da war Prügel an der Tagesordnung, also Gewalt, Unterwerfung, das prägt seine früheste Kindheit.
00:05:04: Das war ein strenges katholisches Milieu in Irland und dann kommt es zum Bruch mit seiner
00:05:10: Familie, als der Vater Francis entdeckt, wie er die Unterwäsche seiner Mutter trägt.
00:05:16: In dem Kopf eines Militärs war das eine unglaubliche Tat, so beschreibt es jedenfalls Francis Bacon später in der Rückschau.
00:05:26: Und das hat dazu geführt, dass er das Haus verlassen musste.
00:05:29: Er ist erst nach London gegangen, dann wird er zu Verwandten nach Berlin gegeben.
00:05:35: Er lebt im Berlin der Roaring Twenties, also das muss man sich mal vergegenwärtigen, welche Zeit das auch ist,
00:05:42: und kommt von dort eben das erste Mal dann auch nach Paris, hat überhaupt keine Ausbildung im Künstlerischen.
00:05:49: Er ist eigentlich ein getriebener, junger Mensch, ein talentierter Mensch, der aber gar nicht weiß, wohin.
00:05:57: Und dann steht er in dieser Galerie, sieht anmutige, noch gar nicht so besondere Zeichnungen von Picasso und sagt,
00:06:04: ich werde jetzt Maler oder Künstler und davor waren seine Träume, wurde alles Mögliche werden.
00:06:11: Er war dort eingetreten, dann später in Paris in eine Liebesaffäre mit einem
00:06:16: verheirateten Mann und hatte die Pläne, Schauspieler oder dergleichen zu werden.
00:06:22: Und dann kommt eben dieser Moment und er sagt, nein, jetzt werde ich Künstler und hat dann etwas
00:06:28: geschaffen, was wirklich heute von so großer beeindruckender Qualität auch ist, dass man vergisst,
00:06:34: wo er herkommt.
00:06:35: Du hast jetzt gerade ein ganz wichtiges Thema angesprochen, nämlich die Gewalt, die zumindestens im
00:06:40: Leben Bacons schon sehr früh eine Rolle gespielt hat, später dann auch, darüber werden wir noch sprechen.
00:06:46: Und tatsächlich ist es sehr auffallend, gerade wenn man durch
00:06:50: diese Ausstellung geht, mit welcher Wucht einen manche Bilder anspringen.
00:06:57: Gerade bei Picasso kennt man ja diese verschobenen, verdrehten, zerschmetterten und wieder zusammengesetzten Porträts etwa.
00:07:06: Aber auch bei Bacon geht es um teilweise massive Deformierung und im Grunde
00:07:11: eigentlich auch immer um Verletzung und eine gewisse Fleischhaftigkeit,
00:07:16: die einen sowohl farblich als auch irgendwie von der Figuration her anspringt.
00:07:20: Eine Journalistin hat das ein Schlachtfeld genannt, sozusagen diese Schau.
00:07:26: Man muss also mit einer gewissen Brutalität rechnen und man kann es auch ein bisschen weniger martialisch ausdrücken,
00:07:33: Du hattest ja hohen Besuch hier, die Toten Hosen und deren Sänger Campino,
00:07:37: der hat auch die Ausstellung gesehen und gemeint, das ist Punkrock in Bildern.
00:07:42: Was passiert denn da in dieser Malerei, dass wir heute noch immer diese Wucht und eben teilweise auch Gewalt spüren?
00:07:49: Es ist tatsächlich so, diese Bilder haben eine Wucht, du hast anspringen gesagt und das ist
00:07:54: tatsächlich so etwas durch die Ausstellung wird eine Energie freigesetzt, die man wirklich spürt.
00:08:01: Aber diese ersten und initialen Bilder, und das war das, was ich am Anfang auch gar nicht zusammengebracht habe,
00:08:08: welchen Picasso meint eigentlich Bacon, als er dann wirklich beschließt, Künstler zu werden.
00:08:15: Er verfolgt einen Picasso, der gerade auf dem Weg ist, und das ist das Interessante,
00:08:20: Picassos Weg ist nicht vom Kubismus in die Abstraktion, wie das viele Maler vollzogen haben,
00:08:25: sondern er findet dann den surrealistischen Picasso und er ist ein ganz anderer Surrealist.
00:08:32: Wir verbinden damit immer so Bilder von zerfließenden Uhren, wie bei Dalí oder Traumgebilden.
00:08:38: Picasso hat mal gesagt, er ist insofern Surrealist, weil es eben überrealistisch ist, was er malt,
00:08:44: aber es sind Dinge, die er erlebt hat und das Erlebnis bringt er in die Bilder.
00:08:50: Und das war auch das, was Bacon, als er die Bilder gesehen hat, so berührt hat.
00:08:57: Im Anbetracht dieser Bilder hat er gesagt, er zeigt einem What it feels like to be human.
00:09:03: Das ist unser Titel auch geworden.
00:09:05: Nicht nur das, was es heißt, Mensch zu sein, sondern wie fühlt sich das an.
00:09:10: Und daher ist diese ganze Ausstellung auch so ein emotional gewichtiges Zusammentreffen dieser beiden Künstler,
00:09:17: weil sie uns so viel mitgeben.
00:09:19: Und ich glaube, das ist das, was du jetzt gerade so angesprochen hast.
00:09:23: Und das, was auch zum Beispiel dann Campino in seiner Sprache als Punkrock bezeichnet hat,
00:09:28: Da werden verschiedenste emotionale Zustände:
00:09:31: Das Verliebtsein eines Picasso, die Gewalterfahrung eines Bacon,
00:09:37: all das wird unmittelbar vor die Leinwand getragen, auf die Betrachterin, auf den Betrachter übertragen.
00:09:44: Und daher fühlt man sich auch wirklich irgendwie durchgeschüttelt, aufgerüttelt, manchmal völlig verstört.
00:09:52: Und dabei ist das Interessante, dass wir sehen, wie beide mit dem menschlichen Körper umgehen,
00:09:59: welche Formen sie finden, um daraus etwas ganz Neues zu machen und diese Ausdruckswerte uns mitzugeben.
00:10:06: Das ist irgendwie etwas ganz Besonderes, finde ich.
00:10:11: Und schon allein deshalb ist es toll, sie einmal nebeneinander zu erleben.
00:10:16: Und Picasso hat sich ja, anders als Bacon, eigentlich fast nie über Bacon oder andere Künstler überhaupt geäußert.
00:10:23: Er war ganz in seiner Welt und hat sich immer auch natürlich nicht zu gering geschätzt und gedacht,
00:10:29: er ist eben der größte Maler.
00:10:31: Aber dass Bacon immer wieder diese Referenz gezogen hat, das ist schon spannend
00:10:36: und kann sich durch die Ausstellung durchaus verfolgen lassen.
00:10:39: Jetzt haben wir schon die ganze Zeit von diesen frühen Werken gesprochen,
00:10:43: von denen Bacon so begeistert war und von denen ich übrigens auch sehr begeistert bin,
00:10:48: die man, soweit ich mich erinnern kann, eigentlich hier in Wien noch nie gesehen hat, glaube ich.
00:10:54: Und beschreiben wir diese Bilder mal, es sind wunderbare, kleine, lichte, flirrende Mini-Formate,
00:11:00: möchte man fast sagen, im Vergleich zu manchen anderen großen Bildern.
00:11:03: Picasso war an der Küste der Bretagne mit seiner jungen Familie, seiner Frau und seinem,
00:11:09: glaube ich, Sohn im Babyalter, Kleinkind jedenfalls,
00:11:14: aber auch mit der Geliebten mit im Gepäck sozusagen,
00:11:18: die verrätselt, verschlüsselt in diesen Werken auftaucht.
00:11:23: Wir sehen kleine Gemälde, die die Stimmung am Meer, an der Küste der Bretagne wiedergeben.
00:11:30: Die Farben hellblau, mittelblau, ein azurblau, ein, ich sage immer, müdes Gelb,
00:11:36: so ein bisschen pastellig, aber natürlich auch Rosatöne, die das Fleisch widerspiegeln.
00:11:41: Es sind kleine, kompakte Bilder, sonst sind wir ja eher größere Picasso-Formate gewohnt,
00:11:47: die aber eben ganz viel erzählen und die auch dieses Surreale,
00:11:52: das du gerade angesprochen hast, in sich tragen,
00:11:54: aber eben auch schon die Deformierung der Körper.
00:11:57: Diese Bilder sieht man eigentlich fast nie in Wien.
00:12:01: Wir hatten schon, auch in der Albertina gibt es wirklich eine lange Historie an Picasso-Ausstellungen,
00:12:05: aber diese Werke aus dieser Phase Ende der 20er Jahre, Anfang der 30er Jahre, sieht man ganz selten.
00:12:13: Wir haben auch das große Glück, dass wir zwei große Formate haben,
00:12:17: nämlich die Badende aus dem MoMA von 1930
00:12:23: und dann eben auch so eine beeindruckende Figur aus dem Metropolitan Museum.
00:12:29: Und diese Werke sind schon auseinandergenommen, wieder zusammengefügt in Grundform,
00:12:38: in Kegeln stellen sich die Brüste dar, das Hinterteil sind zwei Halbkreise.
00:12:45: Da wird eine Figur wirklich aufgebaut, die dann gipfelt in einen winzig kleinen Kreis,
00:12:51: der den Kopf darstellen soll.
00:12:52: Und diese Art des Figurenbildes wirkt dort in fast einer geometrischen Weise.
00:13:03: Dagegen sind diese Kleinbilder, die du jetzt angesprochen hast, umso bezaubernder,
00:13:08: weil sie noch schneller gemalt sind, weil sie dichter sind, weil sie mehr erzählen.
00:13:12: Da wird das Ballspielen am Strand eingefangen,
00:13:15: da sieht man Sonnenbadende in unmöglichen Verrenkungen am Strand.
00:13:21: Und deshalb auch dieses What it feels to be human in diesem Fall,
00:13:25: diese Verliebtheit des Picasso, der zwar mit seiner Frau Olga, die Tänzerin ist,
00:13:31: dort angereist ist, aber gleichzeitig am Strand, in einer gemieteten Strandkabine,
00:13:37: solche Umkleidekabinen, dann die Marie-Thérèse Walter trifft,
00:13:41: die damals 17 Jahre alt war.
00:13:43: Und das Symbol, also das ist nicht nur dieser Ort, den er dann immer wieder mitgibt,
00:13:50: sondern man sieht auch Marie-Thérèse, das ist zwar sehr, sehr abstrakt,
00:13:54: wenn man sich diese Figuren mit diesen wehenden Haaren anschaut,
00:13:58: aber die werden dann immer wieder mit diesem Schlüsselmoment konfrontiert.
00:14:05: Sie öffnen also diesen verbotenen Ort.
00:14:08: Und natürlich ist der Schlüssel im Schloss auch ein sexuelles Motiv,
00:14:12: das spielt darauf an, was die beiden für ein Verhältnis hatten.
00:14:17: Und das meinte ich auch, als ich sagte, Picasso sieht sich als Überrealisten, surreal.
00:14:24: Und das ist etwas, was dann in dieser Formensprache direkt Aufnahme findet bei Bacon,
00:14:31: der Picasso eng verfolgt.
00:14:34: Und Jahre später, Jahre später, nämlich 1967, kommt er auch motivisch darauf zurück.
00:14:41: In dem bekannten Gemälde aus der Nationalgalerie in Berlin,
00:14:46: die drei Porträtstudien von Isabel Rawsthorne.
00:14:50: Und da kommt er mit dem Schlüssel in der Tür auf dieses Motiv zurück,
00:14:56: zeigt aber gleichzeitig, was er in der Zwischenzeit an Figurensprache entwickelt hat,
00:15:01: indem er eine Person in dreierlei Gestalt in dieses Bild hineinbringt.
00:15:07: Und es ist natürlich schon ein Bacon, wie wir ihn kennen.
00:15:11: Also das ist keine Anfangsarbeit mehr, von denen ja auch viele zerstört wurden,
00:15:15: sondern das ist der reife Bacon, so wie er auch damals erste Erfolge gefeiert hat.
00:15:21: Also diese Meeres-Badestrand-Bilder von Picasso, die wir jetzt eben beschrieben haben
00:15:26: und die ja so eine, im wahrsten Sinne des Wortes, eben Schlüsselrolle spielen,
00:15:30: sind tatsächlich von einer Heiterkeit und Leichtigkeit,
00:15:34: wie man sie dann später gar nicht irgendwie mehr in dieser Intensität findet.
00:15:38: Eigentlich haben sie fast was Comickhaftes, oder?
00:15:41: Diese kleinen Stecknadelköpfe und dann diese eigentlich auch fast Verschmitztheit,
00:15:46: mit der die Figur ja sozusagen am Schlüssel dreht,
00:15:49: weil ja sozusagen die Kabine auch die Konkubine bedeutet.
00:15:54: Und diese Verspieltheit und Leichtigkeit irgendwie wird Picasso zwar sein Leben lang später begleiten,
00:16:00: im Unterschied eben zu Bacon, der irgendwie von einer großen Anspannung eigentlich getrieben ist.
00:16:04: Bleiben wir vielleicht bei diesem Schlüsselmotiv, das du jetzt so gerade erklärt hast.
00:16:10: Es ist einerseits ein sexuell konnotiertes, aber natürlich auch ein psychologisch konnotiertes Motiv
00:16:16: und es ist ja tatsächlich auch der Weg zu etwas Verborgenem.
00:16:21: Also im Englischen sagt man ja auch Closet Gay und nicht zufällig eben,
00:16:25: du hast es gerade ausführlich beschrieben.
00:16:27: Es öffnet sich ja eigentlich ein Raum, der etwas Verbotenes birgt.
00:16:32: Denn Homosexualität war zu der Zeit etwas Verbotenes und auch Strafbares.
00:16:39: Ja, die Bilder, die wir hier so zusammengebracht haben,
00:16:44: sind natürlich auch voll von diesen Erlebnissen,
00:16:49: vor allem auch von den sexuellen Erlebnissen beider Künstler,
00:16:54: die das in unterschiedlicher Weise reflektiert haben.
00:16:57: Also beim Picasso spricht natürlich daraus immer so eine übersteigerte Virilität und auch Lebenslust,
00:17:05: während die andere Seite der Medaille eigentlich von Bacon dargestellt wird,
00:17:09: der Zeitlebens, wie du sagst, ja auch eine gewisse innere Spannung hatte
00:17:14: und auch mit gewissen Schuldgefühlen umgegangen ist
00:17:17: und wo seine Beziehungen auch oft einfach von Gewalt und Unterwerfung geprägt waren.
00:17:22: Das spürt man aus diesen Bildern heraus, weshalb sie oft auch düster sind
00:17:26: und uns auch diese Spannung mitgeben.
00:17:29: Aber ich glaube, beide schaffen es sozusagen,
00:17:33: diese innere Triebfeder uns darzulegen,
00:17:40: die die beiden wahnsinnig vorwärtsgetrieben hat.
00:17:43: Und das sind natürlich dann, auch wenn man das so schaut,
00:17:47: bei Bacon eher die männlichen Akte und bei Picasso die weiblichen.
00:17:53: Geht es nur mir so oder vermitteln diese Bacon-Bilder,
00:17:58: wenn es um Sexualität geht, halt schon auch etwas sehr Gewaltsames,
00:18:02: auch manchmal Masochistisches?
00:18:04: Wenn man die Bilder anschaut, es geht oft um verzerrte Gesichter,
00:18:09: aufgerissene Münder, verdrehte Körper.
00:18:13: In manchen Fällen ist das tatsächlich sehr gewaltsam.
00:18:18: Ja, also tatsächlich waren seine Partner oft gewalttätig.
00:18:24: Und es gab auch da in den Beziehungen, glaube ich, sehr viel Gewalt,
00:18:30: die dann auch in den Bildern spürbar wird.
00:18:33: Es ist aber auch so etwas, dass man wirklich sich so vor Augen halten muss,
00:18:39: wenn man sieht, dieses Bildnis, was wir dort haben, eine große Darstellung,
00:18:46: zwei Figuren von 1953, also so ein offener Liebesakt von zwei Männern.
00:18:52: Das war natürlich auch eine große Provokation vor dem Hintergrund der Zeit.
00:18:58: Es hatte auch eine politische Dimension, ebenso wie seine Papstbilder in dieser Zeit.
00:19:04: Und bei Picasso darf man nicht vergessen, das ist ja natürlich,
00:19:08: du hast gerade von der unbeschwerten Zeit,
00:19:10: die ja dann auch mit Marie-Thérèse Walter und diese Liebschaft da verbracht hat,
00:19:14: diese Affäre, die dann öffentlich wird, als sie ein Kind kriegt, 1935.
00:19:20: Das war alles noch vor dem Zweiten Weltkrieg.
00:19:22: Und dann kommt eben Guernica.
00:19:25: Wir haben eine Version von diesem Jahrhundert-Antikriegsbild in der Ausstellung.
00:19:31: Und dort ist auch so ein schreiendes Gesicht.
00:19:34: Und man merkt, dieser Schrei, das Verzerrte,
00:19:38: der Ausdruck von Leidenschaft, aber auch von Gewalt und auch von Angst,
00:19:46: das zeigt sich in vielen Werken von Bacon
00:19:49: und zieht sich dann wirklich so wie ein roter Faden durch sein Œuvre.
00:19:53: Das heißt, Gewalt war sozusagen nicht nur von der sexuellen Seite,
00:19:56: sondern natürlich hauptsächlich von einer politischen, gesellschaftlichen Seite.
00:20:01: Diese zwei Männer haben im Grunde eigentlich schreckliche Zeiten miterlebt
00:20:05: und mussten diese Bilder ja auch in irgendeiner Weise verarbeiten
00:20:09: oder eben auch mit denen was anfangen.
00:20:12: Es ist interessant, dass sie natürlich, sie sind ja keine wirklichen Chronisten ihrer Zeit.
00:20:18: Also sie waren nie in dem Sinne politische Maler,
00:20:21: dass sie irgendwelche politischen Geschehnisse direkt ins Bild gesetzt haben,
00:20:25: um damit zu agitieren.
00:20:28: Aber man kann schon sagen, also Guernica und auch die Darstellung zum Beispiel
00:20:32: von den Nürnberger Prozessen, von Francis Bacon,
00:20:37: die sind natürlich in ihrer Darstellung dann doch politisch
00:20:44: und sie haben eigentlich darauf reagiert, wie Maler darauf reagieren,
00:20:49: was diese ganzen Krisen, Kriege, diese ganzen Zerstörungen
00:20:54: auch mit der Figur des Menschen macht.
00:20:56: Also sie haben dann diese Zerrissenheit des Jahrhunderts
00:21:00: auch in der Zerrissenheit der menschlichen Figur wieder übertragen.
00:21:04: Und das ist ja ein ganz wichtiges Motiv,
00:21:06: was uns wirklich durch die Ausstellung begleitet,
00:21:09: von den 30er Jahren bis eben in die 70er Jahre.
00:21:13: Beide Künstler haben sich ja dezidiert als nichtpolitische Künstler gesehen,
00:21:18: aber konnte man in dieser Zeit überhaupt unpolitisch sein?
00:21:21: Ja, tatsächlich ist die Kunst von Picasso,
00:21:25: selbst dort, wo sie nicht direkt Bezug nimmt auf Krieg wie in Guernica,
00:21:31: durchaus auch ein politisches Statement gewesen,
00:21:35: wenn man überlegt, dass ja zum Beispiel diese sehr berühmt gewordenen Darstellungen
00:21:40: von Dora Maar, die du auch schon angesprochen hast,
00:21:42: wo die Nase in die eine Richtung zeigt,
00:21:44: das eine Auge nach rechts, das andere nach links
00:21:47: und der Mund wieder in eine andere Richtung,
00:21:49: das waren ja auch Deformungen,
00:21:51: die mussten in der Zeit des Nationalsozialismus
00:21:54: als entartet gelten für die Nazis.
00:21:58: Und als die dann Paris eingenommen haben
00:22:00: und die Schergen dann auf einmal im Atelier standen,
00:22:05: hat man natürlich gesagt, was ist das denn?
00:22:08: Er hat eine ganze Wand mit diesen Bildern gepflastert.
00:22:12: Und das war natürlich auch ein ganz deutliches Zeichen gegen diese Kunstpolitik,
00:22:19: gegen die Vereinnahmung der Kunst für eine Ideologie
00:22:23: und das ist natürlich auch politisch zu lesen.
00:22:27: Also diese bildliche Gewalt ist eben in der Realität geschehen und er übernimmt das
00:22:33: und er schleudert das sozusagen seinen Gegnern dann entgegen.
00:22:39: Aber es ist auch so, dass diese Wände, die wir versucht haben,
00:22:43: dann aufzugreifen in der Ausstellungsgestaltung,
00:22:45: oft daher rühren, dass die abgebildet wurden in Kunstmagazinen dieser Zeit.
00:22:51: Und Bacon hat diese Seiten ausgerissen und hatte die als Vorbild
00:22:55: oder als Inspiration in sein Atelier geklebt.
00:22:59: Daher wissen wir eben, dass er bestimmte Werke besonders geschätzt hat aus den 30er Jahren.
00:23:05: Picasso hat sich da sicherlich als Vorbild bemerkbar gemacht,
00:23:10: aber Bacon geht einen Schritt weiter für sich.
00:23:12: Er macht es auch in eine andere Richtung dann,
00:23:15: dass er noch etwas aufgreift, was ihn bewegt,
00:23:18: nämlich diese Dynamik der Figur.
00:23:20: Und so kommt er zu ganz eigenen Lösungen.
00:23:23: Über Bacon hat sein Biograf Michael Peppiatt gesagt,
00:23:26: he was obsessed by himself.
00:23:29: Picasso wiederum wurde von John Berger als Hyper-Narzisst beschrieben,
00:23:34: der im Schöpferrausch unaufhörlich unglaubliche Mengen produziert hat.
00:23:38: Also er war sexuell aktiv, aber er war auch unglaublich kreativ und schöpferisch.
00:23:43: Haben diese beiden Künstler etwas Monströses an sich?
00:23:47: Monströs würde ich jetzt nicht sagen.
00:23:49: Sie lassen das Tier raus.
00:23:50: Es ist dieses Animalische im wahrsten Sinne des Wortes.
00:23:54: Da ist ja bei Picasso immer wieder auch die Selbstporträts als Minotaurus,
00:23:59: also diese Verehrung für den Stierkampf,
00:24:01: für vielleicht so eine übersteigerte Männlichkeit,
00:24:05: die dort immer wieder zum Ausdruck kommt.
00:24:08: Und Bacon, der hat eben auch den räudigen Hund gezeichnet
00:24:13: und die Figuren so in einer Art deformiert,
00:24:17: dass sie tierisch-animalisch werden,
00:24:19: dass man die gar nicht mehr wirklich trennen kann von der Umgebung
00:24:24: und wo viel Tierisches vorkommt
00:24:27: oder wo in einem Werk,
00:24:29: was wir dann hier in der Ausstellung haben,
00:24:31: was extra aus Mexiko kommt,
00:24:33: wo ein Affe den Liebesakt von zwei Männern begleitet
00:24:36: und uns anlacht,
00:24:38: aber mit so einem menschlichen Lachen
00:24:40: und was einem noch mal das Menschliche im Tier
00:24:44: und das Tier im Menschen so vor Augen hält.
00:24:47: Also da haben beide sehr viel davon mitgenommen.
00:24:50: Bacon und Picasso waren beide auch wirklich leidenschaftlich
00:24:53: von Kunstgeschichte begeistert und sehr stark beeinflusst.
00:24:57: Bacon hat sich an Velázquez abgearbeitet,
00:25:00: seine Papstporträts, die sind ja sehr berühmt.
00:25:02: Kannst du vielleicht etwas über den Einfluss der alten Meister
00:25:06: auf Picasso und auch auf Bacon erzählen?
00:25:10: Bei Picasso ist es naheliegend,
00:25:12: dass er sich mit der künstlerischen Tradition auseinandergesetzt hat.
00:25:16: Wir wissen, dass er ja auch akademisch ausgebildet ist.
00:25:18: Er war natürlich immer im Kontakt
00:25:21: und wir sehen ihn natürlich auch einfach biografisch
00:25:24: noch als Bindeglied zum 19. Jahrhundert.
00:25:27: Also wenn ein Picasso später Manets Frühstück im Grünen aufgreift,
00:25:33: dann ist das sozusagen etwas,
00:25:35: wo wir denken, naja, das passt schon.
00:25:38: Aber trotzdem wirkt er noch so wie verbunden mit dieser Tradition,
00:25:44: gegen die er dann angeht und die er neu erfindet und neu gliedert.
00:25:49: Aber er nimmt sich natürlich damit auch ein Werk aus der Kunstgeschichte hervor.
00:25:55: Das hat ihn gereizt, denn Manets Werk war damals ein Riesenskandal.
00:26:00: Also man ist heute geneigt zu denken, das ist ein Klassiker.
00:26:04: Ja, weil auf dem Werk bekleidete Männer neben nackten Frauen im Gras sitzen.
00:26:11: Würde auch heute nicht gut ankommen.
00:26:14: Genau, das war damals auch schon ein großer Aufreger, weil man dort natürlich vermutete,
00:26:19: das muss ja irgendwie einen sexuellen Hintergrund haben.
00:26:21: Warum sind die Damen nackt?
00:26:22: Und das hat nichts mit der Tradition zu tun.
00:26:25: Auch Manet hat ja schon damit gebrochen.
00:26:28: Und wenn das ein Picasso aufnimmt, dann bestimmt aus dieser Kenntnis heraus und er überformt das.
00:26:33: Aber er macht es in seiner eigenen Form und eigenen Formensprache.
00:26:37: Also die Figuren sind dann wieder typisch Picasso-haft, nur man erkennt gleich diese Komposition, die von Manet kommt.
00:26:45: Und man erkennt auch die Herren mit diesen Mützen und so weiter.
00:26:49: Aber alles schreit Picasso aus diesem Werk.
00:26:52: Und bei Bacon ist es so, dass er natürlich sich erst später mit der Kunstgeschichte auseinandersetzt.
00:27:00: Und ein wirklich gelehriger Schüler ist.
00:27:05: Velázquez ist ja unter anderem auch dadurch bekannt geworden, dass er viele Pentimenti macht.
00:27:10: Das heißt also, man sieht sichtbare Übermalungen in seinem Werk.
00:27:13: Also wenn man so zum Beispiel dort an große Porträts heranschreitet und die man von der Seite betrachtet,
00:27:20: dann sieht man beim aufsteigenden Pferd das Bein, was er mal korrigiert hat.
00:27:26: Nur dass bei Bacon diese Überlagerungen bleiben.
00:27:31: Und er gibt uns da ein ganz neues Bild mit.
00:27:36: Und durch diese Verfremdung und Überlagerung ist es natürlich überhaupt nicht wie bei Velázquez eine Auftragsarbeit,
00:27:44: ein großes höfisches Porträt, eben das vom Papst, sondern es ist eine große Anklage.
00:27:50: Und Papst ist ja auf Italienisch auch Papa.
00:27:54: Und ich glaube, dass er auch den Katholizismus, die Vaterfigur an sich ein bisschen vom Sockel stoßen wollte.
00:28:04: Anders als sein Vorbild Velázquez geht es also nicht darum, hier
00:28:09: wirklich ein getreues Abbild von einem aktuellen Papst zu zeigen,
00:28:13: sondern es war eine große Anklage gegen den Katholizismus, gegen eine Übervaterfigur,
00:28:20: aber auch eine Kritik an Pius XII., der eben im Nationalsozialismus
00:28:26: auch eine zumindest ambivalente Rolle eingenommen hat.
00:28:32: Und es scheint ja so: Mit diesen Gesichtern, die uns Bacon zeigt, da bleibt einem ja wirklich der Atem stocken.
00:28:40: Es sieht irgendwie fast gruselig aus.
00:28:42: Es wirkt wie eine weggerissene Maske in einem Horrorfilm.
00:28:46: Also das sind solche Dimensionen, die uns Bacon hier mitgibt.
00:28:49: Und da wird es natürlich dann ganz schnell auch politisch.
00:28:52: Diese Papstbilder sind ja nicht umsonst sehr berühmt.
00:28:55: Er hat alleine 50 Versionen von Velázquez' Papstporträt, eben Innozenz X., gemacht,
00:29:01: das im Original von 1650 stammt.
00:29:05: Was ich aber bemerkenswert finde, jetzt arbeitet sich dieser Bacon an diesem Velázquez-Porträt ab.
00:29:12: Dann fährt er 1954 nach Rom, wo er das Original hätte sehen können und vermeidet
00:29:20: aber dieses In-Augenschein-Nehmen mit dem echten Original-Gemälde.
00:29:27: Was ist das für ein Mensch, was ist es für ein Künstler, der sozusagen lieber nach Fotos malt?
00:29:34: Warum braucht er immer etwas dazwischen geschaltet, um sich an ein Kunstwerk ranzutasten?
00:29:39: Und ist das eigentlich auch der Grund, warum er vielleicht Picasso nie
00:29:42: persönlich treffen wollte, obwohl er sich ja auch an ihm abgearbeitet hat?
00:29:46: Ich finde das eine sehr spannende Frage.
00:29:48: Zum einen war es ja wirklich so, wie mir auch Michael Peppiatt erklärt hat: Er hatte keine Porträtsitzung,
00:29:54: er hat also nie nach dem lebendigen Vorbild gemalt.
00:29:58: Auch deshalb, weil er immer gesagt hat, das Ergebnis war so erschreckend,
00:30:01: dass ihm vielfach einfach die Menschen davongelaufen wären, wenn sie gesehen hätten, was er auf die Leinwand dann bringt.
00:30:08: Und auch diese Deformationen, also das war vielleicht ein Grund, dass er vermittelt etwas herstellt,
00:30:16: ist vielleicht auch dann so zu deuten, dass er gar nicht, ihm ging es ja nicht
00:30:21: darum, malerisch wie ein Velázquez zu werden oder altmeisterlich.
00:30:26: Er hat sich diese künstlerische Position ausgesucht, weil ihn die Figur interessiert hat,
00:30:31: weil er das irgendwo aus seiner Zeitung ausgerissen hat und hat dann etwas Eigenes daraus gemacht.
00:30:37: Und ich glaube, das Gleiche gilt auch im Verhältnis zu Picasso.
00:30:41: Vielleicht hat er am Ende auch wirklich vermieden, ihn zu treffen, weil er zwar die Inspiration
00:30:48: genommen hat, aber jetzt den Menschen Picasso gar nicht so wesentlich gesehen hat für sich.
00:30:55: Es war keine Vaterfigur, der er sich nähern wollte, sondern er hat das aufgegriffen.
00:31:00: Er hat das immer klar benannt: Also ich bin von Picasso inspiriert. Aber, muss man auch sagen, er hat
00:31:06: sich keinen geringen Künstler ausgesucht, sondern das war damals natürlich schon der berühmteste Künstler.
00:31:13: Und er hat auch immer gesagt, er möchte den übertreffen, er hat sich
00:31:17: auch später mal etwas abfällig über das Spätwerk von Picasso geäußert.
00:31:21: Also ich glaube, spätestens seit seinem eigenen großen Erfolg ab den 60er Jahren hat
00:31:26: er auch gar nicht das Bedürfnis verspürt, jetzt Picasso wirklich zu treffen.
00:31:32: Wenn man es positiv formulieren möchte, könnte man sagen, Bacon war vielleicht schüchtern und ängstlich und wollte
00:31:39: sich nicht unbedingt eben den Menschen ausliefern und aussetzen und hat irgendwie den direkten Kontakt vermieden.
00:31:46: Aber wenn man es vielleicht weniger freundlich ausdrückt, könnte man auch sagen, er hat einfach die Menschen, die er porträtiert
00:31:52: hat, eigentlich zum Material gemacht und hat eben eigentlich sozusagen die Abbildungen, die ja auch, wie man auf einer
00:31:59: Fotografie seines Ateliers sehen kann, die einfach überall rumlagen, die er dann auch zerrissen hat und bearbeitet hat.
00:32:05: Also es hat ja auch etwas Zerstörerisches und hat eben einfach, ja, es wurde alles Material.
00:32:13: Ich glaube, dass beide Antworten richtig sind.
00:32:15: Das eine, was du gesagt hast, dass er sich vielleicht auch aus gewisser Schüchternheit nicht genähert hat.
00:32:21: So wurde das auch einmal beschrieben, dass er die Gelegenheit gehabt hätte, Picasso in einem
00:32:26: Café, wo er ihn erkannt hat, anzusprechen und er hat sich nicht getraut, hieß es mal.
00:32:31: Es ist aber auch auf der anderen Seite sicherlich so, dass er jetzt, wenn er
00:32:37: dann künstlerisch damit umgeht, wirklich die absolute Freiheit genießen will
00:32:42: und nicht die Porträtierte oder den Porträtierten dann immer wieder
00:32:47: befragen will, darf ich das, geht das, erkennst du dich wieder?
00:32:52: Da ging es um das, was er in diesen Personen gesehen hat oder was er
00:32:56: mit ihnen erlebt hat und das ist ja auch ein ganz spannender Moment.
00:33:00: Von Picasso gibt es heute an die 60.000 Werke von Bacon nur 600.
00:33:05: Was sagt das denn aus über die Art und Weise, wie die Künstler mit ihrem eigenen Werk auch umgegangen sind?
00:33:11: Ja, das sagt zweierlei aus. Das eine ist, dass Picasso unablässlich schöpferisch tätig war und auch in allen Medien.
00:33:22: Also warum sind es so viele? Weil es ja nicht nur Gemälde sind, sondern weil es auch viele Druckgrafiken sind, Keramiken.
00:33:30: Da hat er ja wirklich ja hundertfach gearbeitet und man merkt dahinter
00:33:35: auch eine Leichtigkeit im Schaffen und auch eine Notwendigkeit.
00:33:41: Also er hat ja ein Werk in der Ausstellung, das ist so ein männlicher Akt, riesengroß, also
00:33:49: überlebensgroß und das ist so eine Figur, die ist 1971, also zwei Jahre vor seinem späten Tod gemalt.
00:33:58: Da war er bereits 89 Jahre alt und malt diese Figur und die strotzt so vor Kraft und
00:34:04: Männlichkeit und man denkt immer so, der hat einfach nie aufgehört, sowas zu produzieren.
00:34:11: Und mit einer großen Überzeugung und Selbstverständlichkeit.
00:34:16: Und ich glaube, bei Bacon kann man daraus lesen, dass er immer im Zweifel und in der Spannung war,
00:34:24: dass er nie wirklich ganz überzeugt war, dass das, was er macht, wirklich das Letztgültige ist.
00:34:32: Also wir wissen auch, dass er vieles zerstört hat. Wir haben ja ganz wenige Werke
00:34:36: aus den 30er Jahren, deshalb ist dieser Anfang der Ausstellung für uns auch wichtig,
00:34:41: wo wir zum Beispiel so eine Kreuzigungsszene, die aussieht wie ein aufgeschnittenes Kalb am Kreuz, ist von 1933 und
00:34:49: das war wichtig, weil das war auch der Punkt, an dem erstmals ein Werk von Bacon mit Picasso in einem Buch,
00:34:56: einem wichtigen Buch von Herbert Read zusammen publiziert wurde. Und diese Werke gibt es kaum
00:35:02: noch, also wirklich vieles von dem hat er zerstört und fand das einfach nicht gut.
00:35:08: Und Michael Peppiatt, den man ja wirklich immer so wunderbar befragen konnte: Wie war das damals,
00:35:13: wie hat Bacon das gesehen? Da hat er immer gesagt: Ah ja, kann mich noch gut erinnern.
00:35:18: Also Francis hat eben immer geantwortet, er möchte sein Bild gar nicht nochmal sehen oder mit jemandem, der dort
00:35:25: abgebildet ist, zusammen betrachten, weil er dann Angst hatte, dass er Zweifel kriegt und das zerstören muss.
00:35:33: Er möchte also dieses Werk am liebsten dann in diesem flüchtigen Moment auch halten und daher gibt
00:35:40: es am Ende nicht so viele Werke und er war auch kein manischer Zeichner wie zum Beispiel Picasso.
00:35:48: Von Picasso gibt es ja auch viele schöne Zeichnungen und das kommt vielleicht von der akademischen
00:35:53: Ausbildung her, dass man erstmal in der Zeichnung was entwickelt, das gibt es bei Bacon eigentlich nicht.
00:35:59: Er hat vor der Leinwand angefangen und hat mit den Leinwänden gearbeitet und auch hier ist es aus
00:36:04: meiner Sicht immer noch wichtig zu betonen, diese späten Leinwände, die sind großartig gemalt.
00:36:10: Also es braucht keinen Zweifel, wenn man das ansieht, mit welcher Souveränität er so eine große Leinwand –
00:36:16: er hat ja auch immer das große Format gesucht – bearbeitet und dann auch wie innovativ: wenn dann als
00:36:23: Mittel nicht Öl auf Leinwand steht, sondern Öl, Staub und Klebebuchstaben auf Leinwand zum Beispiel.
00:36:29: Das war so eine neue technische Erfindung auch von Bacon und da sieht man: Also er steht
00:36:34: seinem Picasso-Übervater in nichts nach, auch innovativ nicht, aber es gibt natürlich den
00:36:40: großen Unterschied dieser vielen Werke gegenüber einem relativ überschaubaren Œuvre.
00:36:46: Danke, Ralph, für diese Ausführungen zu dieser wirklich außergewöhnlichen Ausstellung.
00:36:52: Wir sind für heute am Ende unseres Gesprächs.
00:36:55: Wer Michael Peppiatt, den großen Bacon-Biografen, im O-Ton hören möchte: Ihm ist
00:37:00: eine eigene Folge dieses Podcasts gewidmet, in der Felix von Boehm die Fragen gestellt hat.
00:37:06: Lange Ohren könnt ihr übrigens überall hören, wo es Podcasts gibt
00:37:09: und vergesst nicht den Kanal zu abonnieren und weiter zu empfehlen.
00:37:12: Und wenn ihr mögt, dann schreibt uns doch in die Kommentare, welches Werk von Pablo Picasso oder Francis
00:37:18: Bacon euch am meisten fasziniert hat und das ihr vielleicht auch im Wohnzimmer hängen haben wolltet.
00:37:24: Wenn euch dieses Gespräch gefallen hat, lasst gerne ein Like da. Ich freue mich auf die nächste Ausgabe.
00:37:42: Bis zum nächsten Mal.
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